Ich kann schlecht an einer technischen Frage vorbeigehen, ohne wenigstens kurz nachzusehen. Das Wort „kurz“ ist dabei gelegentlich optimistisch. Aus einer kleinen Prüfung werden drei geöffnete Handbücher, zwei Testinstallationen und irgendwann die Feststellung, dass draußen verdächtig viele Vögel mit dem Morgenprogramm begonnen haben.
Mein „Ich schaue nur kurz“ genießt in meinem Umfeld vermutlich keine besondere Glaubwürdigkeit mehr. Vollkommen zu Recht. Kurz endet bei mir manchmal am nächsten Morgen.
Das war 1998 nicht anders. Damals habe ich 38 Stunden am Stück an der ersten Webseite für meine Band gebaut. Nicht, weil die Welt darauf gewartet hätte. Die Welt kam vermutlich auch ganz gut ohne sie zurecht. Ich wollte wissen, wie das funktioniert. Ein paar Zeilen Code wurden zu etwas, das andere Menschen im Internet aufrufen konnten. Das fand ich ungeheuerlich. Im besten Sinne.
In diesen 38 Stunden habe ich weder Schlaf noch Essen vermisst. Aus heutiger Sicht ist das kein Arbeitsmodell, das ich in einen Ratgeber schreiben würde. Damals war es vor allem ein ziemlich eindeutiger Hinweis: Hier war etwas, in dem ich vollständig verschwinden konnte und bei dem am Ende trotzdem etwas Sichtbares herauskam.
Die Gestaltung war dabei gar nicht das Entscheidende. Mich begeisterte, dass ich mit Code etwas erschaffen konnte, das anschließend für andere im Internet da war. Die Seite war groß, voller eigener Ideen und vermutlich an mehreren Stellen ein Angriff auf heutige Regeln für gute Bedienung. Ich war ungeheuer stolz darauf.
Seitdem sind die Werkzeuge besser geworden. Frontpage, Tabellenlayouts und viele damalige Großtaten dürfen heute in Frieden ruhen. Geblieben ist dieser Moment, in dem etwas nicht funktioniert und ich wissen möchte, warum. Nicht nur, welchen Haken ich setzen muss. Warum.
Das ist für Kunden nützlich, weil Fehler selten höflich an der Stelle auftreten, an der das Handbuch sie vorgesehen hat. Ein Formular läuft auf drei Geräten und streikt auf dem vierten. Eine Seite lädt langsam, obwohl die üblichen Verdächtigen unschuldig aussehen. Ein Update beschädigt etwas, das mit dem Update angeblich nichts zu tun hat. Technik hat einen eigenen Humor. Nicht immer einen guten.
Natürlich kann man sich darin verlieren. Ich könnte eine technisch besonders elegante Lösung bauen, die der Kunde weder bemerkt noch braucht. Das wäre dann ein schönes Hobby, aber keine gute Dienstleistung. Kunden bezahlen nicht für meine Freude an jeder Abzweigung. Sie bezahlen dafür, dass ihre Webseite funktioniert und sie nicht selbst zum Fachmann werden müssen.
Der Wert des Geeks liegt deshalb nicht darin, möglichst kompliziert zu klingen. Er liegt in der Übersetzung. Tief genug einsteigen, um das Problem wirklich zu verstehen. Danach wieder auftauchen und in einem normalen Satz erklären, was getan werden muss.
In fast jedem guten Betrieb gibt es solche Menschen. Sie hören am Geräusch einer Maschine, dass etwas nicht stimmt. Sie kennen das Material. Sie fragen nach, warum ein Ablauf seit Jahren so umständlich ist, und geben sich mit „Das ist eben so“ nicht zufrieden. Gelegentlich gehen sie allen ein wenig auf die Nerven.
Ein Hoch auf diese Leute. Ohne sie würde vieles irgendwie laufen. Aber nur irgendwie.

